Interview mit der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer,

schwarzer interview christine losso„Zynismus macht mich wütend, und Wut macht mich stark“

Die Tageszeitung im Interview mit der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die am 28. Oktober nach Bozen und 30. Oktober nach Bruneck kommt, über Emanzipation, strickende Männer, Machos, die Schwäche der Frauen, immer geliebt werden zu wollen über die Männer mit Dreitagebärten.

Tageszeitung: Seit rund dreißig Jahren erhitzen Sie die Gemüter – männliche wie weibliche. Ihre Ideen von gestern prägen die Themen von heute und morgen. Sie haben nichts ausgelassen: Kinder- Ganztagsbetreuung 1973, sexueller Missbrauch von Minderjährigen 1978, über die Ehe von Homosexuellen 1984, Essstörung als Frauensucht Nr. 1 war Ihnen ein Sonderband wert. Jetzt sind Sie 60. Haben Sie nicht längst genug von all den widerspenstigen Kämpfen?

Alice Schwarzer: Im Gegenteil. Ich habe ja die Erfahrung gemacht, dass man als Einzelne bzw. entschlossene Minderheit auch gegen Mehrheiten etwas erreichen kann. Außerdem macht es Spaß, nicht im Kriechgang das Leben zu durchqueren, sondern erhobenen Hauptes.

Sie sind Ikone der Emanzipation, aber junge Mädchen kennen Sie bestenfalls noch aus den Erzählungen ihrer Mütter. Die jungen Leute genießen zwar die Vorteile der Emanzipation, aber sie wissen nicht, wem sie vieles davon zu verdanken haben. Tut das weh?

Da irren Sie. Seit Jahren sind die meisten Neu-Leserinnen von EMMA die jungen Frauen. Werfen Sie mal einen Blick in die Diskussionsrunden auf www.emma.de – da findet sich kaum jemand über 25. Und das spiegelt sich auch bei meinen Büchern und Veranstaltungen: Mein Publikum in Deutschland ist überwiegend jung, weil die jungen Frauen – und auch die jungen Männer – das, was ich vertrete, selbstverständlich finden. Und gleichzeitig erleben sie, dass das in der Praxis oft noch ganz anders aussieht.

Als Ihr Buch “Der kleine Unterschied und seine großen Folgen” erschien, wurden Sie massiv angegriffen und als hässliche, frustrierte Ziege dargestellt. Haben solche Angriffe Sie stärker gemacht?

Alice Schwarzer: Ja, Zynismus macht mich wütend. Und Wut macht mich stark.

Sie haben Zeitgeschichte geschrieben als intellektuelle Kämpferin für die Rechte der Frau, als Gründerin der Zeitschrift Emma und Autorin zahlreicher Bücher, die hitzige Debatten auslösten, als geistreiche Teilnehmerin an Talk-Shows, die Fernsehgeschichte schrieben, man denke an die Begegnung mit Esther Vilar oder Verona Feldbusch, aber auch als Frau, die mit Humor dem Image einer „verkniffenen Emanze“ entgegentritt. Sind Frauen von Natur aus besser?

Nein, so wenig ich glaube, dass Männer von Natur aus das starke Geschlecht sind, so wenig glaube ich, dass Frauen von Natur aus das bessere Geschlecht sind. Das Problem ist die Macht und ihr möglicher Missbrauch.

Täuscht der Eindruck, oder haben Sie mittlerweile unter den Frauen mehr Feinde als unter den Männern?

Ja, der täuscht. Ich habe ganz einfach heutzutage mehr Freunde unter den Männern.

Viele Ihrer Mitstreiterinnen sind irgendwann vom Weg abgekommen. Es schaut so aus, als ob sie allein gegen das Patriarchat weiterkämpften.

Ich glaube nicht, dass es in Südtirol so ganz anders zugeht als in Deutschland. Hierzulande rackern sich jedenfalls Millionen Frauen Tag für Tag ab, das hinzukriegen. Es ist eben nur ein erster Schritt, die Emanzipation zu propagieren; ein zweiter ist es, sie dann auch wirklich zu leben.

Vieles, wofür Sie in den 70er Jahren gekämpft haben, ist mittlerweile selbstverständlich. Ihr jahrzehntelanger Kampf gegen Prostitution und Pornographie hingegen scheint aussichtslos. Weil es um zuviel Geld geht oder weil die Männer nie darauf verzichten werden, Frauen zu kaufen?

Ach wissen Sie, auch von der Sklaverei hat man gesagt: Das war immer so und wird immer so bleiben. Solange Männer Frauen kaufen können, um ihren Körper und ihre Seele zu benutzen, wird es keine wirkliche Achtung zwischen Männern und Frauen geben. Darum ist die Prostitution nicht nur ein Problem für die Prostituierten, sondern für alle Frauen (und Männer). Und was die Pornografie angeht – das heißt, die Verknüpfung sexueller Lust mit der Lust an Erniedrigung und Gewalt – da sehen wir ja an den destruktiven Resultaten wie recht wir Feministinnen hatten, schon vor dreißig Jahren davor zu warnen.

Ist es die Schwäche des weiblichen Geschlechts, immer geliebt werden zu wollen?

Ja, das ist die Achillesferse der Frauen. Aber man kann und muss nicht von allen geliebt werden – und manchmal muss man auch wagen, sich unbeliebt zu machen.

Und Sie, wollten Sie nie einfach nur geliebt werden?

Nein. Ich möchte von allen geachtet werden. Aber geliebt werden möchte ich nur von denen, die mir wichtig sind – und für das, was mich im Kern ausmacht.

Wie sehen Sie die Männer von heute? Sind die Machos ausgestorben?

Leider noch nicht. Alle Befragungen zeigen, dass es heute drei etwa gleich große Drittel von Männern gibt: Das erste Drittel findet die Gleichberechtigung der Frauen richtig, zumindest theoretisch. Das zweite Drittel versucht, sich so durchzuschlängeln. Und das letzte Drittel hält hart dagegen: das sind die mit dem Drei-Tage- bzw. Patriarchen-Bärten. Diese letzte Drittel sollten wir aussterben lassen.

Und die Frauen? Viele sehnen sich angesichts der Weicheier nach richtigen Männern zurück. Sind Ihnen strickende Männer nicht auch ein Graus?

Nein, was sollte ich gegen strickende Männer haben? Eher machen mich strickende Frauen nervös – denn ich finde, wir Frauen haben schon genug gestrickt. Ein Graus sind mir nur schlagende Männer.

Erica Young schreibt in einem ihrer Bücher, es ist besser von einem Mann an den Haaren die Treppe hochgeschleppt zu werden, als dass dieser die Treppe putzt

Das ist das Problem von Erica Jong.

Angela Merkel ist Bundeskanzlerin. Also von einer konservativen Partei. Ist da auch Frau drin wo Frau draufsteht? Wird jetzt in Deutschland zwangsläufig alles besser? Schlägt das Herz emanzipierter Frauen nicht eher links? Ironie der Geschichte oder sind die Linken in Frauenfragen konservativer als die Konservativen?

Dass 87 Jahre nach Erringung des Frauenstimmrechtes und 60 Jahre nach Abgang des Führers erstmals eine Frau ins Kanzleramt zieht, das ist ein historischer Schritt – egal, von welcher Partei sie ist. Und dass das in Deutschland auch im Jahre 2005 noch ein Problem ist, haben wir an den extrem sexistischen Reaktionen auf Frau Merkel gesehen – allen voran von Ex-Kanzler Schröder, der als Verlierer die Siegerin am Wahlabend behandelt hat, als wäre sie seine Putzfrau. Ich wünsche mir, dass die Kanzlerin jetzt eine faire Chance bekommt – und werde sie dann an ihren Taten messen. Ganz wie ihre Vorgänger.

Ihre Forderung: die Hälfte der Welt für die Frauen – die Hälfte des Hauses für die Männer! – ist das jemals machbar ? Genügt die ungeliebte Quote, um das durchzusetzen?

Natürlich genügt die Quote nicht, das ist nur eine Krücke. Aber wenn ich sehe, wie viel in den letzten dreißig Jahren schon passiert ist, bin ich sehr optimistisch. Es ist für junge Leute doch heute selbstverständlich, dass den Frauen die Hälfte der Welt zusteht – und die Männer die Hälfte des Hauses übernehmen müssen. Jetzt gilt es, diese Erkenntnis auch zu leben: Mit allen Kompromissen und Rückschlägen. Und allen neuen Chancen.
Frau Schwarzer, was wollen Sie den Südtiroler Frauen vermitteln, – was den Männern? Dass Emanzipation ein mühsamer Prozess ist und sehr schmerzvoll sein kann? Dass er sich dennoch auszahlt? Oder dass sich im Prinzip nichts verändert hat?
Ich will vor allem die Menschen in Südtirol kennen lernen und bin sehr neugierig auf dieses Land zwischen dem temperamentvollen Süden und der vernünftigen Mitte.

Interview: Christine Losso

 

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