Interview mit dem Dalai Lama

Mit Emotionen eine besser Welt schaffen

Bildschirmfoto-2013-04-09-um-16.44.42Im August 2005 hatte Christine Losso die dritte Begegnung mit dem Dalai Lama, dem Oberhaupt der Buddhisten, der heuer 80 Jahre alt wurde.

Nach einem ersten Treffen 1994 in seinem Zufluchtsort im indischen Dharamsala an der Grenze zu Tibet, und einer Begegnung in Südtirol Anfang des neuen Jahrtausends, konnte ich den Dalai Lama erneut treffen. Das Interview ist damals erschienen in der „Neuen Südtiroler Tageszeitung„, wo ich 15 Jahre als Journalistin gearbeitet habe.

Interview mit dem Dalai Lama in Bozen Südtirol im August 2005:

Der Dalai Lama, das religiöse und weltliche Oberhaupt der Tibeter, war am 1. August 2005 in Südtirol zu Gast. Bei zwei Treffen sprach er über die Autonomie, Ethik, Wirtschaft, Globalisierung und Mitmenschlichkeit

Christine Loso: Eure Heiligkeit, Sie sind zum zweiten Mal in Südtirol. Was gefällt Ihnen hier?

Dalai Lama: Um das zu beantworten, bin ich leider zu wenig hier. Die Berge sind schön, aber auch die Ebene und das Meer sind schön. Wenn man in den Bergen wohnt, fährt man auch einmal auch gern ans Meer oder? Ich reise sehr gern und lerne immer wieder neue Menschen kennen, von denen ich etwas lernen kann. Dafür bin ich dankbar.

Sie schlagen das Südtiroler Autonomie-Modell für Tibet vor; bei der Tagung in der Eurac in Bozen ging es jedoch um viel größere Zusammenhänge: Um globale Wirtschaft und Ethik.
Ich habe mich auf die Ethik konzentriert, die eine ganz besondere Bedeutung hat. Mein Verständnis dafür geht dahin, dass Ethik immer mehr Menschen zusammenführen und zufrieden stellen soll. Nicht das Böse darf im Vordergrund stehen, sondern die allumfassende Güte. Ich bin überzeugt, dass dies zu schaffen ist, wenn wir bestimmte Voraussetzungen berücksichtigen.

Warum brauchen wir Ethik und wie soll der Mensch sie in sein Leben integrieren?

Der Mensch ist als Lebewesen ein geselliges Tier, er besitzt ein wesentliches Merkmal, das auch bei anderen Tieren im Vordergrund steht: Die Geselligkeit. Wir Menschen sind auch deshalb so gesellig, weil unser Leben, unser Überleben von den anderen abhängt. Wir werden unser Leben, unsere Zukunft glücklich erleben können, wenn wir auch die anderen schützen. Die anderen gleich zu machen, kommt uns selbst zugute. So hat Ethik auch sehr mit Menschenverstand zu tun. Der geht weit über die Religionen hinaus.

Kann es Ethik in der Wirtschaft überhaupt geben?

Wirtschaft ist sehr wichtig, ohne Wirtschaft läuft gar nichts auf der Welt. Jede Tätigkeit sollte dadurch gekennzeichnet sein, dass erst einmal die Wünsche der Menschen dahinterstehen. Tätigkeiten mit positiven Zielen sollten es sein. So auch in der Wirtschaft. Ich bin der Meinung, dass sich Religion, Ethik und Wirtschaft durchaus ergänzen können. Es geht doch immer und überall darum, niemanden zu schaden, und das oberste Ziel bei allem was wir tun ist das Mitgefühl. Wirtschaft hat vordergründig mit Wirtschaften, mit Geld zu tun, doch auch oberflächlich betrachtet sollte sie andere, weitere Ziele verfolgen: Die Ethik zum Beispiel. Ethik heißt etwas anzustreben, das niemanden schadet und allen gut tut. Welche Handlung wir auch immer durchführen, wir sollten die Ethik immer in den Vordergrund stellen und nie etwas getrennt machen. Die Globalisierung der Wirtschaft sollte ebenfalls durch Ethik gekennzeichnet sein.

Kann Globalisierung auch unter einem positiven Vorzeichen stattfinden?

Globalisierung ist heute in aller Munde und ich muss gestehen, dass ich schon allein das Wort kaum aussprechen kann. Ich möchte lediglich anmerken, dass die Vereinigten Staaten, China, also jene Länder, die die globale Macht in ihren Händen halten, auch daran denken sollten, dass es zwar sehr viele reiche Menschen, doch auch genauso viele arme gibt. Diese Mächte tragen also Verantwortung für die gesamte Welt. Nehmen wir erneut China her: Dort wird das wirtschaftliche Wachstum enorm vorangetrieben, doch saubere Energie ist noch lange kein Thema. Wer im Bereich der Globalisierung arbeitet, sollte auch globale Verantwortung verspüren. In den multinationalen Konzernen indes hat sich so etwas bereits herausgebildet, jetzt müssen auch sie sich mit Ethik beschäftigen und das ergibt ein völlig neues Bild. Ethik muss immer stärker mit in die Wirtschaft hineinfließen, Ethik soll über jegliche Vernunft, über Bildung und über jede Ausbildung stehen.

Was kann jeder einzelne tun, damit die Welt besser wird?

Tendenziell neigt ja jeder einzelne dazu, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist das zentralste Thema unserer Weltansicht. Manchmal vergessen wir das Leben der anderen. Und als Gesellschaftstier vergessen wir leider oft auch, dass wir die anderen brauchen. Wir brauchen sie in einem hohen Maße, einfach damit es auch uns selbst gut geht. Wenn wir glauben, dass es nicht so ist, haben wir eine sehr kurzsichtige Weltsicht, die Misstrauen und Angst als Folge haben. In einer Weltsicht, wo Egoismus die Vorherrschaft hat, werden wir ein sehr trauriges Leben führen, die Instabilität unseres Geistes wird uns belasten. Ein egoistisches Denken, ein egozentrisches Leben führt zu Stress, Panik und Unsicherheit. Wenn jedoch Ruhe und Gelassenheit einkehren, wird die Selbstsicherheit unser Dasein bestimmen, eine gesunde Selbstsicherheit, die uns neue Freunde schenkt, welche ebenfalls mit Freude an uns denken und uns Gutes tun. Ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens ist auch das Mitgefühl. Mitgefühl und Großmut, das wir anderen weitergeben. Wer sich selbst hasst, kann auch die anderen nichts als hassen.

Ohne Altruismus ist das Leben „klein“, wie Sie sagen?

Es gibt mittlerweile ganz klare Hinweise, auch seitens der Wissenschaft, dass altruistische Formen wohltuende Wirkungen hervorrufen. So etwa ist festgestellt worden, dass sich die linke Gehirnhälfte beim Meditieren völlig anders verhält und das in sehr positivem Sinne. Emotionen sind bedeutende Elemente, ohne die in Zukunft die Welt nicht mehr machbar sein wird. Es gibt negative wie etwa Wut und positive Emotionen wie Bindung. Wut bedeutet die Ablehnung aller Dinge, die mir negativ widerfahren sind, sie entsteht nach einer ganzen Reihe von Übertreibungen und ist kein objektiver Gefühlszustand, sondern eine Projektion meines eigenen Ichs. Tatsache ist, dass solche Emotionen auch sehr gefährlich sein können. Bindung indes kann auch etwas sehr Befreiendes, etwas Wärmendes sein, Bindung zu Menschen, die ich mag und die mich mögen. Altruistische Verhaltensweisen sind sehr nützlich, denn sie helfen uns den anderen zu nähern. Wenn Altruismus sehr hoch ausgebildet ist, wird uns Objektivität gewährleistet sein. Und Objektivität ist ein wichtiges Element in einem erfüllten Leben. Grundsätzlich gilt stets, dem anderen mit Liebe zu begegnen, auch mit Mitgefühl, das ich mir von allen und für alle Menschen wünsche. Wir alle tragen eine globale Verantwortung für die anderen und für uns selbst. Denn wir alle sind voneinander abhängig. Kurzsichtigkeit und Egozentrik zerstören, Mitgefühl und Ethik bewahren und heilen. Doch leider wird Bildung allzu häufig als Indoktrinierung ausgenutzt, der 11. September 2001 hat es uns deutlich vor Augen gehalten. Intelligenz kann sehr gefährlich sein, wenn sie von Hass geschürt wird.

Welche Zukunft hat die Welt?

Trotz der vielen traurigen Nachrichten glaube ich doch, dass die Welt Fortschritte macht, Auch was die Globalisierung betrifft. Es gibt doch sehr viele Menschen, die eine positive Kraft besitzen, wenn es uns gelingt, unseren Horizont zu erweitern, so bin ich aus ganzheitlicher Sicht überzeugt, dass sich die Welt zum Besseren wendet. Es gibt ein tibetisches Sprichwort, das sagt: Du kannst es zehnmal versuchen, und es kann vielleicht neunmal schief gehen, doch das zehnte Mal kann es auch klappen. Ich glaube an diese Kraft des Guten.

Sie sind weltweit das Beispiel für Gewaltlosigkeit. Darf man Gewalt anwenden, um sich zu verteidigen?

Wenn Sie angegriffen und ein Gewehr haben, dürfen Sie schießen. Aber nur in den Arm des Angreifers, nicht auf den Kopf und niemals um zu töten. Das dürfen wir niemals.

Zur Person: Der Dalai Lama

Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama ist das politische und religiöse Oberhaupt der TibeterInnen. Er gilt als Wiedergeburt Tschenresis, des Buddha des Erbarmens, der gleichzeitig der Schutzpatron Tibets ist. Tschenresi hat auf seine eigene Erlösung und den Eingang ins Nirvana verzichtet und wird solange wiedergeboren bis alle Menschen erlöst sind. Als im Sommer 1949 die chinesische Volksbefreiungsarmee mit der Eroberung Tibets begann (Höhepunkt am 7. Oktober 1950), wurde dem damals erst 15-jährigen Dalai Lama am 17. November 1950 die Herrschaft über Tibet übertragen. Am 9. September 1951 marschierten chinesische Truppen in Lhasa, der Hauptstadt Tibets ein und besetzten diese. Als sich das tibetische Volk am 10. März 1959 in einem Volksaufstand gegen die chinesischen Besatzer erhob und dieses letzte Aufbäumen bis zum Herbst 1960 rund 90.000 Tibeter das Leben kostete, sah sich der Dalai Lama gezwungen, über Himalaya nach Indien zu fliehen. Für seinen unermüdlichen Einsatz mit gewaltlosen Mitteln und durch Dialog eine Lösung für das Tibetproblem zu finden, erhielt der Dalai Lama am 10. Dezember 1989 den Friedensnobelpreis, die höchste vieler von ihm erlangten Auszeichnungen.

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