Freddy Longo: Von kubanischer Poesie, Hassliebe und Fidel Castro

Von kubanischer Poesie, Hassliebe und Fidel Castro

Der Meraner Schriftsteller Freddy Longo weilte für mehrere Wochen in Kuba und traf dort die größten Poeten des Landes. Im Mai erscheint sein neues Buch mit dieser Thematik. Der Tageszeitung hat er bereits jetzt verraten, mit welchen Problemen Schriftsteller in Kuba immer noch zu kämpfen haben.

Von Christine Losso

„Tutte le strade del Havanna portono al mare“, wird Freddy Longo sein neuestes Werk nennen, das im Mailänder „Silvana Arte“ –Verlag im kommenden Mai erscheinen wird. Das Wortspiel mit dem Meer deshalb, weil Kubas Poeten niemals über das Meer schreiben durften, da dieses als Synonym für Freiheit galt. Allein das Wort „Freiheit“ war auf der karibischen Insel lange Zeit verpönt. Longo aber will sich keinen Maulkorb anlegen lassen, weshalb er befürchtet, dann nie wieder nach Kuba einreisen zu dürfen.
Viele Menschen, die vor Fidel Castros Regime fliehen wollten, legten sich auf Autoreifen und ließen sich aufs offene Meer hinaustreiben, in der Hoffnung, irgendwo in Florida angeschwemmt zu werden, das nur 80 Kilometer Luftlinie entfernt liegt. Gar einige bezahlten ihren Freiheitsdrang mit dem Leben: sie wurden von Haien gefressen.
„Auch Renaldo Arenas, der größte Schriftsteller Kubas wollte auf diese Weise abhauen, doch er wurde gefasst, später ist er in New York an AIDS gestorben“, erzählt Longo. Er selbst hatte in Havanna das Glück, Reina Maria Rodriguez, die größte Schriftstellerin Kubas zu treffen, die weltweite Erfolge erzielen kann und als große Freundin Arthur Millers und Saul Bellows gilt. Für das Regime ist sie bis heute aufgrund ihrer Berühmtheit unantastbar.

„In ihrem Haus traf ich auch José Giovanni Ponte, der immer noch von der Polizei kontrolliert wird und das Land nicht verlassen darf“, so Longo. Der 40-jährige Schriftsteller darf seine Werke auch nicht publizieren, doch irgendwie kann er seine Manuskripte immer wieder außer Landes bringen. So auch dieses Mal. „Ponte hat mir einen ganzen Packen für seinen Verleger in Lissabon mitgegeben, doch bald schon erwartete mich die Polizei im Hotel“, erinnert sich Longo mit Schaudern. In weiser Voraussicht habe er die Papiere bereits einem Freund übergeben, der nur wenige Minuten später ein Flugzeug nach Mailand bestieg.

Auch Marcelo Morales, einen hervorragenden jungen Poeten, und Kubas Altmeister Rafaele Alcides, einen der Fondatoren der Revolution im Jahr 1959, traf Longo in Havanna. Als sich Morales später gegen Castro stellte, weil der Gedanke der Revolution längst die eigenen Kinder fraß, ließ dieser auch ihn unter Hausarrest stellen. Die Chance einer Flucht habe er zwar gehabt, doch er wollte bleiben und gründete ein Haus der Kultur, des Austausches. Dort bringt er der Jugend bei, nicht diesen falschen Weg zu beschreiten.
„Eine außergewöhnliche Poetin ist Lida de Fera“, schwärmt Longo. Sie sei die „phantastischste“ Frau, die er je kennen gelernt habe, ein „Vulkan“ an Spiritualität, an Energie und Einfallsreichtum, die an Anna Magnani und Maria Callas erinnert. De Fera hat drei Jahre im Gefängnis verbracht und nur eine Petition internationaler Schriftsteller, angeführt von Arthur Miller, habe sie davon erlöst und ihr das Leben gerettet.

Die kubanischen Literaten würden alle Torturen in ihrem Land nur deshalb überstehen, weil Dichtung für sie gleichviel wie „Leben“ bedeute. Sie hätten die Poesie „verinnerlicht“ und würden über sie mit der ganzen Welt kommunizieren. Im Prinzip herrsche heute zwischen Fidel Castro und seinem Volk eine Hassliebe, denn er hat ihm zwar die Freiheit genommen, doch aber die Würde, die Gesundheit und die Kultur wiedergegeben. Mit diesem Widerspruch leben die Kubaner seit nunmehr 45 Jahren.

 

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