Rumänien: Die Hoffnung stirbt zum Schluss

Reportage aus Rumänien, dem Land, das auch 14 Jahre nach der Revolution und der Hinrichtung von Diktator Nicolae Ceausescu noch aus allen Wunden blutet und in dem Zehntausende von Kindern auf der Straße leben müssen.

Es ist Mai, doch es ist drückend heiß. Wir sitzen in einem Auto der Caritas und rattern mit Rainer, einem Mitarbeiter, auf einer holprigen Landstraße von Timisoara nach Bacova, das rund 30 Kilometer südöstlich davon liegt. Wir, das ist ein kleines Grüppchen aus einigen Salvatorianerschwestern aus Südtirol, Österreich und Ungarn und mir, der Reporterin, das gespannt ist auf die Jugendfarm, die seit einigen Wochen in Betrieb genommen werden konnte. Draußen zieht eine Landschaft vorüber, die wild und schön ist und eher an Umbrien erinnert oder an die Toskana, als an ein „Entwicklungsland“, und die durchzogen wird von riesigen Mais- und Weizenfeldern, doch auch von brachliegenden Äckern. Ab und zu tauchen glitzernde Seen auf, in denen sich Badende tummeln, doch auch riesige Laub- und Nadelwälder. Hätten wir nicht das bereits erlebte Elend von Timisoara mit seinen zahlreichen Obdachlosen, den Straßenkindern, dem Frauenhaus hinter uns, – man könnte glauben, wir befänden uns auf Urlaub.

In Timisoara haben wir tags zuvor erneut das Pater Jordanhaus besucht, das Straßenkinder und Obdachlose aufnimmt und von den Salvatoriannern in Zusammenarbeit mit der rumänischen Caritas initiiert wurde. In der Jugendfarm indes, so hat man uns erklärt, arbeiten seit ein paar Tagen die ersten ehemaligen Obdachlosen und betreuen nun rund 30 Schweine, ein paar Rinder, Schafe, Ziegen und das Federvieh. 60 Hektar Land sind von den Salvatorianern angekauft worden und innerhalb von ein paar Jahren soll hier ein florierender landwirtschaftlicher Betrieb entstehen, der ausschließlich von Ex-Obdachlosen geführt werden wird. Eine erfreuliche Perspektive.

Petar empfängt uns freudestrahlend und führt uns durch „sein“ Reich. Bald kommt Gregor hinzu, beide sind außer sich vor Stolz und zeigen uns zuerst die Stallungen, die angrenzenden Felder und dann ihre eigene Bude: nicht mehr als ein Zimmer in einer alten Hütte, in dem zwei armselige Bettgestelle an die Mauer gelehnt sind, eine Kochstelle gibt es noch, zwei Stühle und einen Tisch. Sonst nichts. Doch das ist mehr, als die beiden in den letzten zehn Jahren besessen haben. „Wir können wieder arbeiten, kümmern uns um das Vieh, bald werden unsere Freunde nachkommen“, frohlockt Petar und eine Zigarette hängt ihm schief im Mundwinkel, während er spricht. Ein vielversprechendes Projekt, das Hoffnung für viele Straßenkinder, viele Obdachlose birgt. Nach und nach sollen eine stattliche Anzahl von Jugendlichen hier Arbeit und Unterkunft finden, die Chance erhalten, sich ein neues Leben fernab der Straße aufzubauen. Seit der Revolution 1989, seit Ceausescus Schreckensregime gestürzt und die Grenzen geöffnet wurden, hat sich in Rumänien leider nicht überall etwas sichtbar zum Besseren verändert. Andere Machthaber haben das Ruder an sich gerissen, das Volk wirkt nach mehr als vierzehn Jahren „Freiheit“ immer noch resigniert, und auch wir bekommen die Haltung der jetzigen Politik mehr als deutlich zu spüren. Tatsache ist, dass in Rumänien heute Zehntausende Kinder und Jugendliche auf der Straße leben müssen und es lediglich Privatorganisationen wie der Caritas oder anderen gelungen ist, effiziente Hilfe anzubieten. Und ein weiteres Problem kommt seit einigen Jahren hinzu: Waisenkinder, die in Kinderheim aufgewachsen sind, landen mit 18 Jahren auf der Straße, weil ein neues Gesetz vorsieht, diese mit ihrer Volljährigkeit zu „entlassen”.

Am nächsten Tag besuchen wir das Mädchenhaus „Hosanna“, das im Projekt „Mana“ integriert ist und von Cerbu, selbst einst Straßenkind und heute mit seiner Frau Nadine, die aus Neuseeland stammt, seit mehr als einem Jahrzehnt betreut wird. „Die Menge der Straßenkinder ist eine Konsequenz aus dem Kommunismus, die Frucht eines schlechten Baumes“, zählt Cerbu auf. Seit der Revolution sei die Zahl der Straßenkinder immens angewachsen, täglich kämen neue hinzu, sie brechen aus ihren ärmlichen Familien aus, wo sie Gewalt und Misshandlungen erlebt haben, andere flüchten aus Kinderheimen, wo sie es nicht aushalten konnten. „Ionel war einer von ihnen, er wurde von seinen Eltern als Baby in ein Kinderheim gesteckt, doch weil er keine Liebe empfangen hat und zudem auch noch von seingesgleichen verprügelt wurde, büchste er aus“, erzählt Cerbu die traurige Geschichte des Jungen, die bezeichnend für viele ist. Auf der Straße fand Ionel bald „Freunde“, er schlief in Parks, in unbewohnten Häusern oder einfach auf der Straße. Im Winter in Heizungsschächten oder in Bahnhöfen. Die Entbehrungen des Lebens ließen ihn zu Alkohol, Klebstoff (zum Schnüffeln) und schließlich zu Drogen greifen, doch eines Tages lernte er Mariana kennen und verliebte sich in sie. Als er erfuhr, dass sie ihn betrog, nahm er eine Überdosis und sprang in den Fluss Bega. „Zwar versuchten ihn seine Freunde zu retten, doch es war zu spät, Ionel ist nicht mehr, doch es gibt so viele wie er“, sagt Cerbu. „Und – die Hoffnung stirbt erst zum Schluss.“ Er und Nadine konnten eines Tages diesen Kindern nicht mehr teilnahmslos gegenüberstehen, die nur die Gesetze der Straße kannten und aus den unterirdischen Kanälen und unter schmutzigen Brücken herverkrochen und in den Wartehallen des Bahnhofs um Hilfe baten. Cerbu, selbst ein Junge der Straße und Nadine erbettelten zuerst einfach nur Essen für „ihre“ Kinder, dann gesellten sich weitere Freiwillige hinzu und nur wenig später konnte die Hilfsorganisation „Mana“ entstehen., die heute das Tageszentrum „Ionel“, (nach dem einem Jungen benannt) und das Mädchenhaus „Hosanna“ umfasst; zahlreiche weitere Projekte sollen noch dazukommen. „Trotz der vielen Arbeit begeben wir uns auch nach Jahren immer noch als Streetworker auf die Straße, um das Umfeld neu Hinzugekommener kennen zu lernen und sie in unsere Programme in den Tageszentren einzuladen“, erzählt Cerbu.

Im „Ionel“ können rund 60 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen acht bis 20 Jahren an drei Tagen wöchentlich betreut werden. Sie bekommen ein warmes Essen, saubere Kleidung und Erste Hilfe und sie können sich duschen. „Das Tageszentrum versucht ausschließlich auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen und ihre Rehabilitation in der Gesellschaft möglich zu machen“, so Cerbu. Auch wird den Kindern geholfen, wieder in ihre Familien zurückzukehren, sofern dies möglich ist, für jene, deren Familie hoffnungslos zerrüttet ist, werden andere Lösungen gesucht. Aus dieser Arbeit heraus ist bald die Notwendigkeit eines eigenen Mädchenheimes entstanden: „Hosanna“ das heute Platz für dreizehn Mädchen bietet. Eine unter ihnen ist Elena. Sie ist heute 15 Jahre alt. Mit ihren dunklen Augen schaut das bildhübsche Mädchen jetzt zuversichtlich in die Welt. Das war nicht immer so. Elena erzählt: „Ich war bei meinem Vater, als die Polizei kam und ihn mitnahm. Wer meine Mutter war, wusste ich damals nicht, ich habe sie erst vor sechs Monaten kennen gelernt. Dann lebte ich eine Weile bei meiner Tante, doch eines Tages brachte sie mich zum Bahnhof und sagte, ich solle warten und brav sein, weil sie mir etwas kaufen würde. Sie kam nie wieder zurück….“
Das kleine Mädchen war damals etwa fünf Jahre alt. Es war verzweifelt und weinte, doch niemand kümmerte sich um das Kind. Dann stieg es in einen Zug ein und ein paar Stunden später wieder in einer großen Stadt aus. Elena freundete sich mit anderen Kindern auf der Straße an, bettelte am Gemüsemarkt um Essen und um Geld an den Verkehrsampeln. Die Nacht schlief sie auf der Erde neben den Bahnhofstoiletten. „Eines Tages brachte mich ein anderes Kind zum Tageszentrum Ionel, dort durfte ich duschen und essen, dann wurde ich in ein Kinderheim gebracht und später nach Hause, doch es gab es keinen Platz mehr für mich. Einige Jahre wurde ich von Kinderheim zu Kinderheim geschickt, bis ich endlich bei Cerbu im Hosanna landete. Ich durfte die Schule nachholen und jetzt bin ich sehr glücklich“, sagt Elena.

Am nächsten Tag befinden wir uns bereits auf dem Weg nach Gataia, rund 50 Kilometer von Timisoara entfernt. Der Anblick ist schrecklich. Vierhundertfünfzig psychisch kranke Menschen leben dort zusammengepfercht in mehreren Gebäude auf einem ehemaligen Militärgelände. Im Inneren vermischt sich der Geruch von Kot und Urin mit dem Gestank von Chlor, das alles übertünchen soll. Im „Garten” liegen, sitzen und humpeln die Menschen völlig apathisch herum. „Sie alle haben irreparable Schäden”, sagt uns ein Verantwortlicher. Es sind die Verlassenen der Gesellschaft, Menschen, die niemand mehr haben will. „Sie sehen, das hier ist der reine Wahnsinn, wir befinden uns in einer grausamen Situation”, klärt Corneliu Mircea, der Direktor der Anstalt auf. Eine Reform, von der Regierung durchgeboxt, habe ihre Sparmaßnahmen ausgerechnet bei den Ärmsten und Schwächsten angesetzt. „Es fehlt hier praktisch an allem, es gibt Zeiten, da haben wir nicht einmal genug zum Essen“, fährt Mircae fort und streicht sich über sein müdes Gesicht. Es gebe zwar staatliche Hilfe, aber die reiche hinten und vorne nicht aus. Es fehle an Medikamenten, Decken für den Winter, Einrichtungsgegenständen, Lebensmitteln. Wir stehen fassungslos vor unzähligen menschlichen Tragödien. Ich selbst weiß spätesten ab diesem Moment, was ich zu tun habe

Das Land

(cl) Rumänien ist nur anderthalb Flugstunden von Italien entfernt. Das Land liegt praktisch vor unserer Haustür zwischen Serbien, Bulgarien, Ungarn und Moldawien eingeklemmt. Rumänien ist mit Moldawien, das nach dem Ersten Weltkrieg abgetrennt wurde, das drittgrößte Land von Europa, hat aber „nur” 23 Millionen Einwohner. Davon sind etwa vier Millionen Zigeuner, zwei Millionen Ungarn und eine geringe Anzahl Deutsche. In der Hauptstadt Bukarest leben zwei Millionen Menschen, in Timisoara rund 400.000. Die Wende setzte in Rumänien mit dem Protest gegen die Strafversetzung des reformierten Pastors Laszlo Tokes in Temeswar (Timisoara) am 15. Dezember 1989 ein; die Unruhen ergriffen bald das ganze Land. Das Diktatorenehepaar Elena und Nicolae Ceausescu wurde festgenommen, in einer juristischen Farce zum Tode verurteilt und hingerichtet. Damit hatte man zwar die Repräsentanten des totalitären Systems beseitigt, seine Strukturen wurden jedoch von den an die Macht gekommenen Reform-Kommunisten weitgehend aufrechterhalten.

Auch der neuen Regierung gelang es nicht, die Wirtschaft nachhaltig zu sanieren, die Inflation einzudämmen, die Korruption wirksam zu bekämpfen. Das durchschnittliche Pro-Kopf Bruttoinlandsprodukt beträgt heute nur 22 Prozent des Wertes der in den EU-Mitgliedsstaaten im Schnitt verzeichnet wird. Die Arbeitslosenrate liegt bei 11,9, die Inflationsrate bei 54,8 Prozent. Obwohl die Frauen mehr als die Hälfte der Hochschulabsolventinnen ausmachen, sind nur 7 Prozent der Hochschulprofessoren Frauen, und es gibt keine Rektorin. Die Männer dominieren die Legislative – von 328 Abgeordneten sind 25 Frauen, unter den 143 Senatoren gibt es zwei Senatorinnen. Ein Durchschnittsgehalt beträgt bei Frauen rund 2,5 Millionen Lei (80 Euro) im Monat, das sind rund 10 Prozent weniger, als die Männer verdienen.

Spendenkonto

Wer sich angesprochen fühlt und für die Straßenkinder in Rumänien oder die Psychisch kranken Menschen spenden will, (bitte Stichwort angeben: „Straßenkinder“ oder „Psychisch Kranke“ kann dies gerne bei er Volksbank Naturns tun.

Kontonummer c/c 106 37 99 Abi 05856, CAB 58630 .

Vielen Dank

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